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Jörg Hilbert

Acht Saiten und mehr
Von der Gitarre zum Liuto Forte – ein Erfahrungsbericht

Um mit dem Ende anzufangen und um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Acht Saiten und sind kein prinzipielles Problem für Gitarristen, und die Schwierigkeiten steigen auch nicht proportional mit zunehmender Saitenanzahl. Entscheidend ist vor allem, dass man sich vom Anblick mehrsaitiger Instrumente nicht zu dem voreiligen Schluss verleiten lässt, man könne diese sowieso niemals spielen. Zugegeben, der erste Eindruck ist natürlich ein kleiner Kulturschock. Hat man diesen jedoch überwunden, wird man belohnt durch völlig neuartige Klangerlebnisse und zum Teil auch deutliche Erleichterungen für die linke Hand. Die einzige Bedingung ist, dass man offen und neugierig genug ist, ein neues Instrument auch wirklich regelmäßig zu spielen. Anfangs stellt sich allerdings fast zwangsläufig eine gewisse Frustration ein, weil die so sicher geglaubte Basis der freien E-Saite plötzlich nicht mehr vorhanden ist. Stattdessen sieht sich der Daumen einer verwirrenden Vielzahl von Alternativen gegenüber, in deren Gewirr er leicht die Orientierung verliert. Das ändert sich jedoch mit der Zeit: Unmerklich, aber auch unweigerlich, steigt die Trefferquote, bis man schließlich überhaupt nicht mehr versteht, was einem die zusätzlichen Saiten anfangs für Kopfzerbrechen bereitet haben.

Ich selbst habe zunächst den ersten Schritt von der sechssaitigen zur achtsaitigen Gitarre vollzogen. Mehr wollte ich nicht wagen, weil ich damals glaubte, es wäre in meinem gesegneten Alter von damals vierzig Jahren nicht mehr zu erlernen (was sich als komplette Fehleinschätzung erwies). Nach einiger Zeit bin ich dann auf den Liuto Forte aufmerksam geworden und habe mich spontan in diese Instrumente verliebt, weil sie mir Vieles boten, was bei der Gitarre schlichtweg fehlt – sowohl klanglich, als auch hinsichtlich der Literatur und überhaupt an Perspektive. Zunächst hatte ich allerdings nur einen achtsaitigen Liuto Forte zur Verfügung. Dieser war in vielem meiner Gitarre sehr ähnlich und mir daher sofort vertraut, so dass es praktisch keine Umstellungsschwierigkeiten gab. Selbst die Haltung musste ich dank einer rutschfesten Unterlage auf dem Oberschenkel nicht großartig ändern. Schon dieses erste Instrument war faszinierend, nicht nur äußerlich und qualitativ, sondern auch von seinen klanglichen Möglichkeiten und seiner unglaublichen Leichtgängigkeit. Auch die Tragfähigkeit dieses Instruments war beeindruckend. Es klänge, so sagte eine Freundin einmal, als säße man direkt neben einem Lautsprecher.

Nach einiger Zeit kamen dann jeweils ein vierzehnsaitiger Arciliuto und eine d-moll-Laute hinzu, die beide noch viel mehr „Lauten“ sind als ein achtsaitiger Liuto Forte. Das d-moll-Instrument habe ich praktisch ohne Vorkenntnisse zu spielen begonnen und konnte darauf schon nach etwa einem Monat verschiedene anspruchsvollere Sätze von S. L. Weiss recht passabel zum Besten geben. Beim Arciliuto war das Ergebnis vielleicht noch verblüffender: Hier konnte ich noch mehr meine gitarristischen Erfahrungen einsetzen und verfügte bald über ein passables Repertoire an Originalliteratur und Umarbeitungen vertrauter Stücke. Insbesondere meine eigenen Einrichtungen verschiedener Werke von Bach gewannen durch die erweiterten Möglichkeiten im Bass eine komplett neue Dimension. Sie erwiesen sich nämlich mehr als Erlösung denn als Zusatzproblem. Auch meine anfängliche Furcht vor Tabulaturen erwies sich als komplett unbegründet. Im Grunde spielt es sich daraus sogar leichter vom Blatt als nach „normalen“ Noten, vor allem, wenn man in unbekannten Stimmungen unterwegs ist. So manches Aha-Erlebnis ist die Belohnung für die Mühe, zum Beispiel jene Erkenntnis, dass die originale Lautenliteratur praktisch immer perfekt für das jeweilige Instrument eingerichtet ist. Vieles, was mit auf der Gitarre ordentlich Kopf- und Fingerzerbrechen bereitete, löst sich auf der d-moll-Laute wie von Zauberhand auf, denn es wurde diesem Instrument regelrecht auf den geschwungenen Leib geschrieben. Was noch dazu kommt: Ich habe hier eineinhalb dicke Aktenordner vorliegen, die einen Teil der bekannten Kompositionen von S. L.Weiss enthalten. Dazu kommen unzählige Werke anderer, die ich inzwischen für mich entdeckt habe. Viele dieser Komponisten haben großartige Musik ganz auf der Höhe ihrer Zeit hinterlassen, doch man kennt ihre Werke außerhalb der Lautenwelt nur wenig, weil sie in der Regel nicht ohne Weiteres für andere Instrumente übertragbar sind. Für mich persönlich ist diese Literatur eine wundervolle Perspektive und eine herrliche Aufgabe für die nächsten vierzig, fünfzig Jahre. Für danach habe ich noch keine Pläne.

Der Vollständigkeit halber will ich hier auch meine Erfahrungen mit Lauten historischer Bauweise erwähnen: Insbesondere das Spiel von doppelsaitigen Instrumenten setzt, je nach Epoche, mitunter komplett andere Anschlagstechniken und -kulturen voraus. Auch diesen Schritt habe ich irgendwann mit Gewinn gewagt. Inzwischen fühle ich mich auf den meisten Lauten – egal welcher Bauart – mehr oder weniger zu Hause. Was jetzt aber „richtig“ ist, oder „falsch“, vermag ich leider nicht zu beurteilen. Meiner Meinung nach verschließt sich die Kunst ihrem Wesen nach diesen ausgrenzenden Kategorien, auch in ihrem Teilbereich Musik. Alles, was geeignet ist, ihr zu dienen, sollte man vorbehaltlos prüfen, bevor man es ablehnt (und zwar möglichst länger als nur mal eben fünf Minuten). Das gilt für Lauten historischer Bauweise ebenso wie für die moderneren Liuti Forti. Eine pragmatische und unkomplizierte Variante sind letztere aber auf jeden Fall – vielleicht nicht unbedingt für Lautenisten, vielleicht auch nicht für Gitarristen, aber ganz bestimmt für Musiker.

Wie gesagt: Mit acht Saiten kann man als Gitarrist gut beginnen, ohne seine Technik fundamental umstellen zu müssen. Eine gewisse Zeit der Eingewöhnung sollte man allerdings einplanen. Hat man die Zusatzseiten jedoch erst einmal im Griff, wird man es zunächst schätzen, gleichzeitig eine freie E- und eine D-Saite zu haben und z. B. das G wahlweise auf dem III. oder auch dem V. Bund greifen zu können. Irgendwann wird man dann vielleicht feststellen, dass acht Saiten eigentlich immer noch nicht sehr viel sind und nach mehr verlangen. Mein Ratschlag wäre daher, der anfänglichen Vorsicht zu trotzen und es lieber gleich mit neun Saiten versuchen. Wie gesagt: Zusätzliche Chöre stellen einen nicht jedes Mal vor grundsätzlich neue Aufgaben – der eigentliche Knackpunkt ist es, den Schritt zur Mehrsaitigkeit überhaupt zu wagen. Neun Saiten sind ein guter Übergang, aber selbst zehn oder elf sind gut zu bewältigen. Die erstaunliche Erkenntnis ist nämlich diese: Den Umgang mit den vielen Bässen kann man durchaus erlernen. Man muss es einfach nur tun.

(Jörg Hilbert ist einer der beliebtesten deutschen Kinderbuchautoren und -illustratoren, z.B. Ritter Rost, Fritz & Fertig, Der Schweinachtsmann)