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Eduardo Fernández

Auszug aus Interview in Gitarre aktuell, IV 2009

Frage: Welchen Eindruck haben Sie von der Gitarrenszene? Gibt es Veränderungen, neue Strömungen? Wie ist die Akzeptanz der klassischen Gitarre im weltweiten Vergleich?

E.F.: Zunächst muss ich feststellen, dass ich die deutsche Gitarrenszene nicht so gut kenne und dass einige Dinge, die ich jetzt sagen werden, vielleicht auf Deutschland nicht zutreffen. Ich werde übertreiben, um die Sache klarer zu machen. Nehmen Sie das, was ich sage, als Provokation in der Absicht, eine Reaktion hervorzurufen. Es mag eine Karikatur der Wirklichkeit sein, wir wollen sehen, ob der Kern der Aussage deutlich wird.

Im Allgemeinen beobachte ich sowohl die Ablehnung der Gitarristen, sich mit Musik auseinanderzusetzen, als auch eine Ablehnung der Musik-Szene gegenüber der Gitarre. Lassen Sie es mich so erklären: Viele Gitarristen (glücklicherweise nicht alle) sind vollkommen blind dafür, was sich außerhalb der sogenannten „Gitarrenszene“ abspielt, hiermit meine ich an dieser Stelle Gitarren-Festivals, Wettbewerbe, Gitarrenkonzerte, Gitarrenmagazine.

Dies trifft in alarmierender Weise nicht nur auf die Zeitgenössische Musik zu, sondern vielmehr auf JEDE Art historischer Musik. Das führt dazu, dass du jemanden Giuliani spielen hörst und dich ernsthaft fragst, wie es möglich sein konnte, dass Giuliani jemals von Beethoven ernst genommen wurde, was natürlich nicht der Fehler von Giuliani ist.

Das Gleiche geschieht mit Sor und der ganzen Musik-Periode. Oder du hörst einen Gitarristen so Bach spielen, dass er selbst on gut ausgebildeten Musikern nicht als solcher erkannt werden kann – und diese Gitarristen bekommen Beifall von dieser „Gitarren-Szene“, niemand scheint Einwände zu haben.

Ich weiß nicht, warum so etwas passiert und auch nicht, warum Gitarristen sich mit Pseudo-Kompositionen auseinandersetzen, die nichts anderes sind als notierte Improvisationen mit geringer kompositorischer Substanz, oder warum es eine Bereicherung des Programms sein soll, Pop- oder Folk-Musik in das Programm zu streuen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, ich bin kein Snob, diese Dinge haben ihre Berechtigung, aber eben auch ihren Platz und das sage ich als ein Beatles Fan. Ich mag auch noch andere Dinge außer Bach!

Was ich damit ausdrücken möchte, ist, dass meiner Meinung nach die Gewichtung falsch ist: Wir riskieren es, die wenigen Liebhaber ernster Musik, die wir Gitarristen haben, zu verprellen und enden möglicherweise damit, nur noch für Kollegen zu spielen.

Die Szene Ernster Musik (vielleicht aus Rache) weigert sich anzuerkennen, dass die Gitarre ein seriöses Instrument ist; oder zumindest, nachdem Segovia und Yepes gestorben sind und Bream nicht mehr auftritt, macht es den Anschein, dass sie nicht sicher ist ob es einen seriösen Konzertgitarristen gibt, der etwas auszusagen hat. Sicher, es gibt einige Ausnahmen, aber es sind Ausnahmen.

Du könntest sogar auf den Gedanken kommen, dass Segovia nie existiert hat, wären da nicht die vielen Werke, die ihm gewidmet sind, aber was sein Einfluß auf die Musikwelt angeht, der zu seinen Lebzeiten so überwältigend war, könnte er fast eine Romanfigur gewesen sein. Es hat den Anschein, als sei die Musikwelt die Auffassung, dass die Gitarre mit Segovia gestorben ist.

So finden wir uns heute in der Situation, dass die „Gitarrenwelt“, praktisch unverbunden, parallel zum Rest der Musikwelt, existiert. Eine Beziehung so ähnlich der Science-Fiction-Literatur zur allgemeinen Literatur.

Trotz allem Vorangesagten: Es GIBT seriöse Künstler unter den Gitarristen, der Grad der technischen Fertigkeiten ist in den letzten Jahrzehnten dramatisch gestiegen, es gibt mehr Gitarren-Festivals als jemals zuvor, und jede Woche scheinen neue zu entstehen.

Die Gitarre wird überall auf der Welt auf einem hohen akademischen Niveau gelehrt. Wir könnten sagen, wir leben, also sei’s drum...

Es gibt eine Gitarrenwelt, sie funktioniert, sie gibt uns Arbeit, warum sich also darum scheren, dass Konzertreihen meistens einen Bogen um die Gitarre machen. Es ist deine Entscheidung: Ist das Glas halb voll oder halb leer? Oder haben wir nur ein generelles Marketingproblem? Ich weiß es wirklich nicht.