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Unterschiedliche Formen der Wirbelkästen

Gern wird nach Lautenkonzerten die Frage gestellt, warum der Wirbelkasten des Instrumentes abgeknickt sei. Die Antwort lautet noch immer: Wir wissen es nicht.

Wirbelkasten

Etwas besser informiert sind wir allerdings hinsichtlich der klanglichen Auswirkungen einer Theorbierung (Verlängerung der Baßsaiten) auf das Schwingungsverhalten des gesamten Instrumentes.

Die von Alessandro Piccinini um 1600 erfundene Verlängerung der Baßsaiten zielte zunächst nur darauf ab, das Baßregister eines Lauteninstrumentes klangvoller und „orgelmäßiger“ zu gestalten. Die Entdeckung, daß ein gerader Wirbelkasten mit stark gespannten, verlängerten Baßsaiten auch Diskant- und Mittellagen eines Lauteninstrumentes positiv zu beeinflussen vermag, dürfte ein unerwartetes Nebenprodukt dieser Erfindung gewesen sein.

Die klassische Form des „Schwanenhalses“, die sich bei italienischen Arciliuti und Theorben findet, ist von großem ästhetischem Reiz und erfüllt ihren klanglichen Zweck bei diesen Instrumenten vollkommen.

Angeregt durch diese Neuerung wurden im Lauf des 17. Jahrhunderts weitere Formen der Verlängerung von Baßsaiten entwickelt, die vor allem bei der in d-moll gestimmten französischen Barocklaute Anwendung fanden. In historischer Reihenfolge handelte es sich dabei um folgende Konstruktionen:

1. die von Jacques Gaultier (geb. um 1600), einem in England lebenden französischen Lautenisten erfundene, an den abgeknickten Wirbelkasten seitlich angesetzte Verlängerung für vier zusätzliche Baßchöre unterschiedlicher Mensur (double head - siehe Abbildung).

2. der vermutlich auf den böhmischen Lautenisten Jan Antonin Losy (um 1645-1721) zurückgehende Baßreiter für zwei zusätzliche längere Baßchöre,

3. die sehr wahrscheinlich aufgrund einer Anregung Johann Sebastian Bachs im 18. Jahrhundert von Sylvius Leopold Weiß für seine 13-chörige d-moll-Laute übernommene Halskonstruktion der Angélique mit zwei geraden Wirbelkästen (siehe Doppelsaiter Liuto forte in d).

Letztere Konstruktion, bei der sich acht Chöre auf dem Griffbrett und fünf Bordune im zweiten, verlängerten Wirbelkasten befanden, stellte den vorläufigen Höhepunkt in der Entwicklung der europäischen Laute dar.

Je nachdem, ob Sie ein möglichst voluminöses, ein weniger nachklingendes oder ein zwischen beidem liegendes Baßregister wünschen, können Sie sich für die dritte, die zweite oder die erste der hier beschriebenen Konstruktionen zur Verlängerung von Baßsaiten entscheiden. Neben akustischen Erwägungen spielen dabei gewöhnlich auch praktische und ästhetische Gesichtspunkte eine Rolle.