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Laute und Gitarre im 20. Jahrhundert

Noch in den 1970er Jahren gingen Lauten- und Gitarrenenthusiasmus Hand in Hand. Die Rückbesinnung der Lautenisten auf ihre historischen Wurzeln führte jedoch zunehmend zu einer Zerrüttung dieser Doppelbeziehung, in deren Folge Besitzer beider Instrumente jeweils eines davon zu vernachlässigen begannen.

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Gitarristen haben Segovias Anspruch, legitime Erben lautenistischer Schätze aus Renaissance und Barock zu sein, weitgehend aufgegeben und sich damit um die Teilhabe an einer glänzenden Vergangenheit gebracht. Besucht man heute Gitarrenfestivals, -wettbewerbe oder sonstige Darbietungen auf ihrem Instrument, entsteht nicht selten der Eindruck, daß dieser enorme Repertoireverzicht zunehmend durch eine Art Narzißmus ausgeglichen wird, in dessen Mittelpunkt die Gitarre selbst und ihre wunderbaren klanglichen Möglichkeiten stehen. Die Stelle der Kompositionen des 16. bis 18. Jahrhunderts nehmen inzwischen oft außereuropäische Programmschwerpunkte folkloristischer Prägung ein, die zwar den natürlichen Charme des Instrumentes und die Virtuosität seiner Spieler vorzüglich zur Geltung bringen, jedoch nicht immer geeignet sind, den ursprünglichen Anspruch der Gitarre auf Seriosität im klassischen Sinne zu untermauern. Allerdings stellt diese Tendenz zum Populistischen auch eine Bereicherung dar, und ganz gewiß hat die Gitarre es nicht zuletzt ihrer Öffnung für sämtliche musikalische Stilrichtungen der Gegenwart zu verdanken, daß sie – zumindest als Soloinstrument – im 20. Jahrhundert eine ähnliche Bedeutung erlangte wie die Laute im 16. Jahrhundert.

Ausübende des Lautenspiels nach historischen Vorbildern machten ihr Publikum in den vergangenen Jahren mit dem sublimen Reiz einer untergegangenen Kunst vertraut. Dabei wurde unparteiischen Hörern aufs Neue klar, warum dieses Instrument die Schwelle zum 19. Jahrhundert nicht mehr zu überschreiten vermochte. Unbeeindruckt davon glauben nicht wenige Praktizierende des „authentischen Lautenspiels” nach wie vor, daß die hohe Qualität des von ihnen gepflegten Repertoires sie berechtige, den Entwicklungen der Klangkultur seit dem 19. Jahrhundert sowie heutigen Aufführungsbedingungen weniger Aufmerksamkeit zu schenken. Alten Berichten über die wunderbare Wirkung ihres Instrumentes vertrauend geben sie sich der Hoffnung hin, daß ein Klang, der vor dreihundert Jahren das Publikum entzückte, heute noch dieselben Reaktionen hervorzurufen vermag.

Es ist zu befürchten, daß zwischen solchen Ansichten und den rückläufigen Studentenzahlen im Fach Laute ein Zusammenhang besteht. Manche meinen, die Begeisterung für das Instrument in seiner historischen Version habe ihren Höhepunkt bereits in den 1980er Jahren überschritten. Das sollte jedoch nicht pessimistisch stimmen.

Vertreter des historischen Lautenspiels können auf außergewöhnliche und bewundernswerte Leistungen in Forschung und Praxis verweisen. Dank ihrer Beharrlichkeit läßt sich heute absehen, welchen enormen Umfang das überlieferte Repertoire aus drei Jahrhunderten für Lauteninstrumente hat. Darüber hinaus üben einige Spieler diese Kunst auf einem Niveau aus, das dem der großen Lautenisten der Vergangenheit kaum nachstehen wird.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Bemühungen der Lautenspieler, Lautenbauer und Lautenmusikforscher uns heute gestatten, an die im 18. Jahrhundert unterbrochene Tradition dieses unersetzlichen Instrumentes wieder anzuknüpfen, während der Gitarre und ihren Anhängern das Verdienst gebührt, Spieltechnik, Klangkultur und Bauweise der Zupfinstrumente im 19. und 20. Jahrhundert weiterentwickelt und die Erinnerung an das Schwesterinstrument Laute und deren Repertoire aufrechterhalten zu haben. Allerdings war die von Antonio de Torres (1817-1892) geschaffene spätromantische Gitarre ebenso wenig wie die historische Laute imstande, das im 18. Jahrhundert entstandene Problem der weitgehenden Inkompatibilität eines Zupfinstrumentes mit dem nachbarocken Instrumentarium zu lösen. Die spanische Gitarre blieb – trotz neuen Klangkostüms – bis zum heutigen Tage hauptsächlich ein Soloinstrument.